Christoph Rehage
Christoph Rehage ist ein Jahr zu Fuß durch China gelaufen. „The Longest Way“ ist die Dokumentation seiner außergewöhnlichen Reise. Der Film ist zwar kurz, doch Christoph hat viel zu erzählen. Wir haben ihn für Euch im Juni 2009 in München getroffen.
Wie bist du auf die Idee gekommen, von Bejing nach Deutschland zu laufen?
Ich kann das gar nicht so richtig erklären. Es war wie eine „Berufung“. Ich hab das nicht aus Spaß gemacht. Kurz vor meinem 26. Geburtstag hatte ich einfach das Gefühl: „Ich muss das jetzt tun.“ Natürlich gab es Streit in der Familie, niemand hat mich verstanden. Als ich die Reise dann durchkalkulierte und merkte ich, dass ich es mir eigentlich gar nicht leisten kann. Doch dann hab ich unerwartet eine Erbschaft gemacht und dann war klar, wofür ich das Geld verwenden werde.
Wann kam dir die Idee, deine Reise so zu dokumentieren?
Ich hatte vorher schon ein paar Videos auf YouTube gesehen, die in diesem Stil gemacht waren. An der Hochschule in Bejing, wo ich zu diesem Zeitpunkt studiert habe, hatte viel über Film und Kamera gelernt. Und so hab ich mich einfach jeden Tag einmal fotografiert. Schwierig war es nur hinterher, die Augen auf eine Horizontlinie zu bringen. Hat mich vier Monate gekostet.
Im Film sieht es so aus, als wärst du ganz spontan losgelaufen...
Nein, das Ganze war schon geplant. Ich musste mich ja vorher informieren. Was weiß ich denn, wo Turkmenistan ist? Also hab ich alle Botschaften angefragt, ob es machbar ist, diese Tour zu laufen. Alle haben mir ein positives Feedback gegeben, bis auf Kasachstan. Die meinten, das sei unmöglich, aber sie dachten wohl auch, dass ich durch das ganze Land laufen will und nicht nur oben durch einen kleinen Zipfel... Aber ich muss im Nachhinein zugeben, dass ich die Strecke unterschätzt habe. Am Ende hab ich nur ein Drittel geschafft.
Bist du vorher schon mal eine solche Strecke zu Fuß gegangen?
Ich bin einmal von Paris nach Hause gelaufen. Hinterher waren die Füße kaputt. Klar, ich hatte ja auch gar keine Erfahrung. Hier in der Stadt nehme ich auch lieber die Rolltreppe. Eigentlich bin ich gar kein Outdoorer! Ich hasse Wandern. Besonders Rundwege. Aber ich geh gern in eine unbekannte Richtung und das Laufen ist der Preis, den ich dafür zahlen muss, um zu erfahren, was mich hinter dem Horizont erwartet. Wenn da nur ein Parkplatz mit meinem Auto ist, finde ich das nicht so spannend.
Dann bist du also zum ersten Mal mit dem Thema „Outdoor“ konfrontiert worden?
Ja, aber eher unfreiwillig. Das war Neuland für mich: draußen campen, die Bekleidung, die Ausrüstung. All diese Dinge waren für mich eher ein Mittel zum Zweck. Natur und Landschaft sind schon schön aber dann gibt es auch wieder jede Menge Mücken und Ameisen... per se kein angenehmes Erlebnis. Ich hab es auch weitgehend vermieden im Zelt zu schlafen. Ich hatte zwar ein gutes Zelt und einen guten Schlafsack, hatte aber leider an der Isomatte gespart. Das hatte zur Folge, dass ich mich in der ersten kalten Nacht ständig drehen musste wie eine Frühlingsrolle in der Pfanne um nicht zu erfrieren. Ich hab auf der Reise drei Paar Schuhe durchgelaufen und mir vorher extra orthopädische Einlagen anfertigen lassen. Trotzdem hatte ich ständig Probleme mit Blasen an den Füßen. Vielleicht sind Wanderschuhe einfach nicht für mich gemacht. Aber der mit Abstand beste Ausrüstungsgegenstand waren wieder verwendbare Kabelbinder. Die hab ich im Baumarkt gefunden und sind sehr praktisch. Besser als Tape und man kann alles Mögliche dranhängen.
War die Natur dein größter Feind?
Nein. Natürlich ist es schon gefährlich bei Minusgraden draußen zu schlafen. Eines Morgens haben mich einige Bauern geweckt und gesagt, dass dort in der Gegend Schneeleoparden umherstreifen. Zum Glück haben die mich in der Nacht nicht gefunden... Aber ich habe wilde Tiere und auch die Kälte nicht so sehr als Bedrohung wahrgenommen. Ich hatte auch keine Probleme mit der chinesischen Polizei oder mit den Menschen allgemein. Gut, ich konnte mich auch gut mit ihnen verständigen. Die größte Gefahr war wirklich ich selbst. Ich, der sich in die fixe Idee verrannt hatte zu Fuß durch China zu laufen und sich dabei unweigerlich in gefährliche Situationen begeben musste. Die Polizei hatte zum Beispiel einmal eine Straße wegen eines Sandsturms abgesperrt. Und ich bin trotz Lebensgefahr weitergegangen! Weil mir das Projekt wichtiger war...
Wie hast du China erlebt?
Als eine große Vielfalt. Für den Durchschnittseuropäer ist das unverständlich. Das übliche Vorurteil: Sie sehen alle gleich aus und essen Reis! Aber das stimmt gar nicht. Viele glauben auch, dass es im chinesischen Hinterland nicht mal Strom gibt. Auch falsch. Ich hatte jedenfalls keine Probleme die Akkus meiner Digitalkamera, den Laptop und meine elektrische Zahnbürste regelmäßig wiederaufzuladen. In den entlegenen Dörfern hat es ziemlich schnell die Runde gemacht, dass da ein Weißer mit einem komischen Bart durch die Gegend wandert. Hat mir den Spitznamen „Forrest Gump“ eingetragen. Aber eigentlich bin ich überall freundlich aufgenommen worden.
Was war ein besonders wichtiges Erlebnis auf deiner Reise?
Als ich meinen Lehrer Xie getroffen habe. Es war Zufall. Oder Schicksal. In der chinesischen Kultur ist das Schicksal ein wesentlicher Bestandteil. Da kann man dran glauben oder nicht, aber es hat mich beeinflusst. Wir sollten uns wohl einfach dort in der Wüste treffen. Es war auf eine Straße im Nordwesten Chinas. Er ging vor mir her, ich hab ihn eingeholt und wir sind ins Gespräch gekommen. Weil er ein gutes Stück älter war als ich, hab ich ihn aus chinesischer Höflichkeit mit „Lehrer“ angesprochen. Später stellte sich heraus, dass er wirklich mein Lehrer geworden ist.
Was hast du von ihm gelernt?
Zuerst einmal etwas ganz Praktisches. Der Mann läuft seit 1983 quer durch China und zieht seine Siebensachen in einem kleinen Karren hinter sich her. Als ich ihn getroffen hab, war ich seit 8 Monaten unterwegs, rund 3.000 Kilometer gelaufen und schleppte meinen Rucksack durch die Gegend. Als ich den Karren gesehen hab, wusste ich sofort: „So einen brauch ich auch!“ Aber was noch viel wichtiger war: Er hat meine Entscheidung die Reise in Ürümqi abzubrechen maßgeblich beeinflusst.
Warum hast du die Reise abgebrochen?
Ich hab in dem Moment abgebrochen, als mir bewusst geworden ist, dass ich die ganze Sache nicht mehr unter Kontrolle hatte. Mir wurde klar, dass ich mir nur eingeredet hatte, dass ich das alles freiwillig tue, ohne Verpflichtung gegenüber den Medien, ohne Sponsoring. Ich war zwar frei von äußeren Zwängen, habe mir dann aber selbst den Druck gemacht. Dass ich weiterlaufen und mir einen Bart wachsen lassen und jeden Tag ein Foto knipsen muss – und dass ich nicht einfach so nach Hause fliegen kann. Mein Lehrer hat mir einmal gesagt: „Du hast die Regeln selber gemacht, du kannst sie auch jederzeit ändern.“ Aber das hab ich zuerst gar nicht begriffen. Bin wohl zu egozentrisch an die ganze Sache rangegangen. Eine Weile lang dachte ich wirklich, die ganze Welt dreht sich nur um mich und meine verrückte Idee. Aber als meine Freundin mit mir Schluss gemacht hat, dachte ich: „Hier läuft was schief.“ Zu meinem 27. Geburtstag bin nach Deutschland geflogen. Nicht nach Hause, sondern zu meiner Tante nach Köln. Meine Familie hat das gar nicht verstanden. Sie haben sich alle ins Auto gesetzt und sind zu mir nach Köln gefahren. Da wurde mir klar, dass ich mich da gerade ziemlich schwachsinnig verhalte. Ich hatte mir selbst verboten, nach Hause zu fahren. Aber warum eigentlich? Wer hielt mich denn davon ab? Doch nur ich selber. Ich hing eine Woche lang bei meiner Tante rum, dann hab ich mir eine Fahrkarte gekauft und bin nach Bad Nenndorf gefahren.
Kannst du verstehen, warum sich Menschen in Extremsituationen begeben?
Die sind eben alle solche Spinner wie ich. Egozentriker, die sich hinter großen Ideen und Sponsoringverträgen verstecken. Ich wünschte ich könnte sie nicht so gut verstehen...
Wirst du den Weg noch zu Ende gehen?
Im Moment nicht. Aber vielleicht später. Erst mal will ich mein Leben in den Griff bekommen. Jetzt werde ich erst mal einige Monate in Bejing arbeiten. Ein ganz normaler Bürojob: für mich etwas ganz Neues!







